Dem Phänomen Salsa auf der Spur

Seite Mitte der 90er Jahr hat die weltweite Salsa-Szene eine rasante Entwicklung erfahren. Es gibt immer mehr Clubs, Tanzschulen und Discos, welche die schnell wachsende Schar neuer eingefleischter Salseras und Salseros bei der Stange halten. Man kann getrost sagen: Salsa ist so populär wie noch nie! Auf der ganzen Welt tanzen heute begeisterte Salseras und Salseros zu dieser Musik und klatschen dazu den Clave-Rhythmus. Aber worauf ist diese Erfolgsgeschichte zurückzuführen? Wieso etwas Erfolg hat und ankommt ist manchmal schwierig zu erklären. In der Regel ist es einfacher zu verstehen, wieso etwas keinen Erfolg hat.

Bei näherer Betrachtung kamen uns schnell einige Punkte in den Sinn, die verantwortlich für den phänomenalen Erfolg von Salsa sein könnten. Damit du dir sie leichter merken kannst, haben wir sie in acht “F’s” zusammengefasst. Das “F” steht dabei für:

1. Familie

United colours of Salsa

Salsa bringt unterschiedlichste Leute zusammen, ist völker- und generationenverbindend und geht quer durch alle Gesellschaftsschichten. Vom Uni-Professor bis zum Straßenwischer, vom heißblütigen Afrikaner bis zum kühlen Nordländer, von Kindern bis zu ihren Großeltern; alle haben sie Platz in dieser Familie.

Einen wichtigen Teil dieser Familie bilden sicher die Exil-Latinos. Für Latinos sind Salsa-Fiestas eine gute Gelegenheit sich zu treffen, sich in der Muttersprache zu unterhalten, zu tanzen, zu flirten, kurz: sich einfach als Latino zu fühlen. Nebst diesem identitätsstiftenden Aspekt trägt das in Salsa-Clubs typische Latino-Ambiente sicherlich dazu bei, dass ihr Heimweh nach den Heimatländern etwas erträglicher wird. Zur Schweizer Salsa-Familie gehören aber natürlich auch die Einheimischen. Das sind in der Regel Menschen, die weltoffen, reisefreudig sind und verschiedene Sprachen sprechen. Vor allem die älteren eingefleischten Schweizer Salseras und Salseros haben vielfach gue Kenntnisse der spanischen Sprache haben und fühlen sich zu dieser Kultur hingezogen. Spanisch ist in der Salsa-Familie beinahe schon eine “Amtssprache”. Hier besteht ein großer Unterschied zur Latein-Tanzschulszene, die nicht diese sprachliche und kulturelle Verwurzelung kennt (wenn, dann am ehesten zum Englischen). Aber natürlich muss man nicht zwangläufig spanisch sprechen, um zu dieser Familie zu gehören. Wer Teil der Salsa-Familie sein will, der braucht eigentlich nur den Grundschritt und vielleicht ein paar einfache Drehungen zu beherrschen, ab und zu eine Fiesta zu besuchen und schon gehört man dazu.

2. Fun

Bailar no es para complicarnos la vida

Tanzen ist nicht dazu da, uns das Leben zu erschweren. Wie recht hat doch der in der Schweiz lebende kubanische Tänzer Orestes Mejica!

Salsa soll zuallererst Spaß machen. Wenn alle schlapp und mit hängenden Mundwinkeln herumlaufen, dann hat man definitiv die falsche Party erwischt. Ebenso, wenn alle nur verkrampft miteinander wetteifern, wer denn nun der beste Tänzer bzw. die beste Tänzerin ist.

“Salsa e pa’ gozar”! Salsa ist zum Spaß haben da! Dies sollte der inoffizielle Schlachtruf aller Salseras und Salseros sein. Eddie Torres – berühmter Tanzlehrer und Koryphäe aus New York – bringt es auf den Punkt:

„Remember where you came from. And remember that the bottom line should be not so much who’s greater than who, but who has the most fun. Not who dances the best, but who’s having the greatest time out there, because, after all, I think that’s what dancing should be“.

3. Fantasie

Hay que inventar!

“Man muss erfinden, improvisieren!” Dieses Motto ist in Kuba ein häufig gehörter Ausspruch. Im harten sozialistischen Alltag, wo es vieles nicht gibt, was für uns selbstverständlich ist, ist dieses Motto gar eine Notwendigkeit und wurde (zwangsläufig) zu immer neuer kreativer Meisterschaft getrieben. So sind Kubaner bspw. mit folgenden Fragen konfrontiert: Wie bastle ich aus einem Yoghurtbecher einen Autovergaser? Und man glaubt es kaum. Kubaner finden für alles eine Lösung. Dieses Gespür für die Improvisation findet sich auch im kubanischen Salsatanz, dem Casino wieder. Aber auch in den anderen Salsa-Tanzstilen wird viel improvisiert. Vergleicht man Salsa mit anderen Paartänzen, so fällt auf, dass dieser wenig reglementiert bzw. standardisiert ist. Die Polyrhythmik der Salsa erlaubt es, zu dieser Musik auf ganz verschiedene Weise zu tanzen. So tanzt man in Kolumbien, Kuba und Los Angeles auf die musikalische “1” oder “3”, in New York und in der Mambo-Salsa der klassischen Tanzschulen auf die “2”. Sogar auf die “4” könnte man tanzen und es würde sich nach einiger Zeit genauso gut anfühlen. Diese rhythmische Freiheit macht die Salsa auch offen für den Einbau von Elementen aus anderen Tänzen. In der Salsa ist dies nicht verboten, sondern man wird geradezu dazu animiert.

Der Umstand, dass Salsa nur sehr wenig reglementiert und standardisiert ist, erlaubt es dem Einzelnen auch, seine eigene unverwechselbare Persönlichkeit mit einzubringen. Sei dich selber und es macht sofort doppelt soviel Spaß! Albert Torres, der Organisator des weltweit größten Salsa-Kongresses, der alljährlich in Los Angeles stattfindet, hat dazu etwas Passendes gesagt:

“We’re all born unique but most of us end up dying copies of others. I hope that people maintain their uniqueness because that’s really a special thing, you should always maintain the little girl or little boy inside of you having fun”.

4. Ferien

Vamos a la playa!

Der erste Kontakt mit Salsa geschieht häufig in den Ferien. Viele reisen nach Kolumbien, Puerto Rico oder Kuba und sehen, wie sich die Einheimischen zu dieser Musik bewegen. Sie probieren es aus und entdecken, dass es viel Spaß macht. Zurück in der Schweiz wird man aber nur zu schnell wieder vom Alltag heimgeholt. Salsa-Fiestas und Tanzkurse bieten dann die Möglichkeit, das Ferienfeeling etwas länger zu konservieren und vielleicht beim nächsten Mal an diesem Ferienort auf der Tanzfläche noch etwas besser auszusehen. Dadurch verbinden sich für viele die Feriengefühle mit “Salsa” und mit jeder neuen Reise in die gelobten Länder wird die Leidenschaft und das Feuer noch mehr geweckt. Natürlich sind mit diesen Ferienassoziationen zu Salsa auch Klischees verbunden. Dies gilt v.a. für Leute, die noch nie lateinamerikanische oder karibische Länder bereist haben. So wie ein Amerikaner beim Namen “Schweiz” vielleicht an Matterhorn, Schoggi und Banken denkt, so denken viele beim Stichwort “Salsa” an

  • Sonne, Sand und aus allen Gassen tönende mitreißende, fröhliche Musik
  • sich dazu aufreizend bewegende, schwitzende Körper in allen Hautfarben
  • schöne, lebensfrohe Menschen in farbigen, schicken Kleidern
  • den Breitengraden angepasste weiche Drogen wie Rum, exotische Drinks, Zigarren … (natürlich geht’s auch ohne!).

Dies kommt einem Bacardi-Werbespot schon ziemlich nahe. Wer würde sich da nicht sofort wie in den Ferien fühlen?

5. Flirt

Das ewige Spiel der Verführung

Im Zeitalter der Individualisierung (“jedem sys Gärtli”) besteht ein zunehmendes Bedürfnis, gewisse Sachen wieder zu zweit zu machen. Was liegt da näher als der Paartanz? Er bietet eine wundervolle Möglichkeit, auf zwanglose und unverbindliche Weise mit anderen Menschen in Kontakt zu treten, ja ihnen sogar körperlich nahe zu kommen. Enio Cordoba, ein bekannter Tanzlehrer aus San Francisco meint dazu: “Dancing is the only place where you can put your hands all over a girl’s body for 5 minutes, and at the end she thanks you for it.”

Salsa ist wie viele Tänze afrikanischen Ursprungs in seinem Grundcharakter ein Fruchtbarkeitstanz. Er vereint in sich das ewige Spiel der Verführung zwischen Mann und Frau. Keine moderne Salsa-Variante verkörpert dies wahrscheinlich besser als der kubanische Despelote, denn er ist nichts anderes als ein sinnlicher Ganzkörperflirt mit ziemlich gewagten Posen und Gesten. Tänze mit einem Hang zu Leidenschaft und Sinnlichkeit sind heute aber generell in. Man denke nur an den sinnlichen Tango oder an das eindeutig sexuell motivierte Gehabe einer Madonna oder eines Michael Jackson.

Natürlich kann man auch Salsa tanzen ohne das ganze Spiel der Verführung mitzuspielen. Aber: Wenn man Salsa mit anderen Paartänzen vergleicht und man vor allem Latinos tanzen sieht, dann fällt einem schon auf, dass zu Salsa naturgemäß schon viel Körperkontakt gehört. Wer seine Partnerin wie eine Handgranate in den Händen hält (nur möglichst weit weg vom eigenen Leibe), der sei wieder an ein paar treffende Worte von Enio Cordoba erinnert:

“If you don’t like girls take up bowling!”

6. Fiesta

Salsa und Fiesta sind eng miteinander verbunden. Viele Salseras und Salseros sind an einer Latino-Fiesta zum ersten Mal mit Salsa in Berührung gekommen. Sie haben dort Menschen leidenschaftlich miteinander tanzen sehen, es dann selbst einmal probiert, bis schließlich der berühmte Funken übergesprungen ist. Viele melden sich darauf zu einem Tanzkurs an und alles weitere ergibt sich dann wie von selbst. Am Salsa-Tanzen ist besonders toll, dass man das in den Kursen Gelernte direkt anwenden und an den Fiestas “an anderen ausprobieren” kann. Die Fiesta als ein tanzendes Experimentierfeld sozusagen!

Spezielle Fiestas entstehen an Konzerten, wenn ganze Salsa Orchester zum Tanz aufspielen. Der hier stattfindende Live-Kommunikation zwischen Musikern und Tänzern erscheint mir besonders wichtig. Beide Parteien inspirieren und befruchten sich gegenseitig. Was wäre der Tanz ohne die Musik (und umgekehrt)!

7. Feeling

Sientalo – Du musst es spüren!

Wenn man in Kuba einmal gesehen hat, wie die Einheimischen den Guaguanco (typische Rumbaform) tanzen, da fällt einem sofort auf, mit wie viel Hingabe und Leidenschaft die Protagonisten dieses Spiel der Verführung auf die Tanzfläche zaubern. Man spürt sofort, dass dies ihre Kultur, ihre “Sprache” ist. Dasselbe Feeling für die Musik und den Tanz zu entwickeln ist für uns Europäer, die wir nicht in diesem Kulturkreis geboren sind, doppelt schwierig.

Natürlich kann auch unsereiner Salsa tanzen lernen (vielleicht genauso gut oder sogar noch besser als Latinos). Und natürlich ist das das Erlernen mit Zählen als Mittel zur Analyse und Systematisierung dieser zunächst fremden Musik- und Tanzstile zumindest am Anfang mehr als hilfreich. Beim Erlernen einer Fremdsprache leisten systematisierte grammatikalische Kenntnisse ja auch gute Dienste. Man muss sich aber bewusst sein, dass dies unsere Art des Zugangs zu einer fremden Kultur darstellt und die Menschen in Kuba, Kolumbien oder Puerto Rico ganz anders in diese Musik und diese Tänze hineinwachsen. Ein Straßentänzer aus Kolumbien drückt dies folgendermaßen aus:

“Der Körper weiß mehr von der Welt als das Bewusstsein. Es ist keine Technik, die man lernen kann, wie ihr Europäer das macht mit euren Tänzen. Ihr habt immer Formeln für alles, sogar, um Liebe zu machen, als ob die Liebe und der Tanz nicht aus dem tiefsten Inneren eines Menschen geboren würden, als ob sie nicht der vitale Lebensrhythmus selbst wären…”. 

Dieses Statement eines kolumbianischen Salsatänzers ist von Jördis und Henry Guzmán.

8. Fieber

Achtung: Hohe Ansteckungsgefahr

“Wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass der Kontakt mit dem Salsavirus beim Menschen eine irreversible Metamorphose auslöst. Die Ansteckungsgefahr ist enorm und bereits heute leidet ein Grossteil der Bevölkerung unter folgenden Symptomen: Gesteigerter Antrieb und Bewegungsdrang, blitzartig erhöhte Attraktivität für das andere Geschlecht, vermehrte Lebensfreude und plötzlich auftretende Tanzexzesse. Gegenmittel sind bisher keine bekannt, wir empfehlen daher, die Veränderungen zu genießen und keinen Widerstand zu leisten.”

Diese treffende Beschreibung des Salsavirus ist von Jördis und Henry Guzmán.

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